Zusammenfassung

Die drei ??? reisen auf Bitten von Darren Duff in das abgelegene Ridge Lake in Oregon. Schon bei ihrer Ankunft retten sie den verwirrten Paul Brooks, der wie in Trance in den eiskalten See läuft, um einem 'Charlie' zu folgen. Im Dorf stoßen die Detektive auf eine Mauer des Schweigens: Der unfreundliche Wirt Joe Wilcox und die Ärztin Dr. Holloway wirken abweisend, und das ganze Dorf scheint fast ausgestorben. Justus, Peter und Bob beobachten nachts ein unheimliches Leuchten auf dem See, entlarven dies jedoch schnell als Scheinwerfer von Tauchern – Joan und Karl Myers. Justus kombiniert messerscharf, dass der See ein Stausee ist, der das ursprüngliche Dorf Ridge Lake vor 50 Jahren überflutete. Bob findet im Archiv heraus, dass eine gewisse Cassandra Wilcox (Joes verstorbene Frau) ein silbernes Kästchen im versunkenen Dorf versteckt haben soll.

Die Detektive beschließen, selbst nach dem Kästchen zu tauchen. Peter und Bob dringen in die Tiefe vor, wo das konservierte Geisterdorf auf sie wartet. Während Peter auftaucht, bleibt Bob zurück und erleidet in der versunkenen Kirche einen Tiefenrausch. In einer dramatischen Aktion rettet Peter ihn vor dem Ertrinken. Wieder an Land werden sie von Joe Wilcox mit einem Gewehr bedroht, doch Darrens Onkel Cedric interveniert. Das geborgene Kästchen enthält Cassandras Tagebuch. Joan liest daraus vor und enthüllt die schreckliche Wahrheit: Die Dorfgemeinschaft hatte einst das Haus des Staudamm-Gegners Charlie angezündet, um ihn zu vertreiben. Charlie starb in den Flammen, weil er glaubte, seine Kinder seien noch im Haus. Joan und Karl entpuppen sich als eben jene Kinder, denen Cassandra aus Schuldgefühlen ihr Erbe vermachte. Die Folge endet melancholisch mit der Aussöhnung der Vergangenheit, ohne dass die Polizei eingeschaltet wird.

Zitate:
Justus: "Kollegen, dieser See ist kein natürlicher See, sondern ein Stausee."
Bob: "Der See entpuppt sich als Karpfenteich, das geheimnisvolle Glühen als stimmungsvolle Teichbeleuchtung, Darren als Spinner und unser neuer Fall als Reinfall."
Justus: "Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche von Ridge Lake."

Review

Tiefenrausch und Tränendrüse: Warum Folge 136 unter die Haut (und unter Wasser) geht
Ein Dorf, das es nicht gibt, ein Bob im Rausch der Tiefe und eine Stimme, die sonst 'Doug!' schreit. Folge 136 ist nass, düster und verdammt gut.

Hallo liebe Detektiv-Kollegen und Kassettenkinder,

wisst ihr, was das Beste an einem verregneten Sonntagnachmittag ist? Richtig: Wenn es im Hörspiel noch mehr regnet als draußen. Schnappt euch eine Tasse heißen Kakao (oder Kaffee, schwarz wie die Seele von Skinny Norris), denn heute tauchen wir ab. Und zwar buchstäblich. Wir besprechen Folge 136: "...und das versunkene Dorf".

ERSTER EINDRUCK


Schon beim ersten Blick auf das Cover (düster, unter Wasser, eine Kirche – Gänsehaut-Alarm!) weiß man: Hier wird nicht nach entlaufenen Katzen gesucht. Diese Folge schreit förmlich "André Marx". Es riecht nach Melancholie, alten Sünden und nassen Socken. Der Einstieg mit dem klassischen Telefonklingeln in der Zentrale (Gott sei Dank kein Handy-Vibrieren!) holt uns sofort ab. Die Atmosphäre ist von Minute eins an so dicht, dass man sie mit einem Brecheisen schneiden könnte. Es ist eine dieser Folgen, bei denen man sich fragt: "Hören wir noch 'Die drei ???' oder schon einen Skandinavien-Krimi für Jugendliche?"

DIE STORY


Alles beginnt harmlos: Ein Anruf von Darren Duff (nein, nicht das Bier aus den Simpsons) lockt unsere drei Fragezeichen nach Ridge Lake in Oregon. Angeblich spukt es dort, und der See leuchtet nachts wie eine Diskokugel. Vor Ort stellen unsere Helden fest: Das Dorf ist so gastfreundlich wie ein Kaktusfeld. Der alte Paul Brooks läuft wie ferngesteuert in den eiskalten See, weil er "Charlie" sucht. Justus kombiniert schneller als ein Supercomputer, dass hier geografisch was nicht stimmt: Wo heute Wasser ist, war früher... na? Richtig: Ein Dorf. Ein Staudamm hat das alte Ridge Lake vor 50 Jahren verschluckt. Aber wie wir wissen, bleiben Geheimnisse selten trocken, und so müssen die Jungs ihre Badehosen (und Taucherausrüstung) auspacken, um einer Tragödie auf den Grund zu gehen, die tiefer liegt als der Marianengraben.

UNSERE HELDEN


Justus "Die Walze" Jonas: Unser Erster Detektiv ist in Hochform. Er futtert zwar keinen Kirschkuchen, aber dafür frisst er Logiklöcher zum Frühstück. Seine Deduktion, dass der See künstlich ist, nur weil ein Wetterhahn aus dem Wasser ragt, ist Sherlock-Niveau. Aber: Er ist auch knallhart. Er schickt seine Freunde ins Wasser, während er oben trocken bleibt und die Strippen zieht. Typisch Chef.

Peter "Der Angsthase mit dem Löwenherz" Shaw: Leute, Peter ist der MVP (Most Valuable Player) dieser Folge! Erst rettet er den alten Brooks vor dem Erfrieren, dann rettet er Bob vor dem Ertrinken. Ja, er bibbert und meckert ("Ohne Geländewagen ist diese Straße ein Albtraum"), aber wenn es drauf ankommt, ist er da. Ein echter Action-Shaw.

Bob "Recherchen und Rausch" Andrews: Armer Bob. Erst darf er im Archiv glänzen (sein natürliches Habitat), dann wird er zum tragischen Opfer. Seine Darstellung des Tiefenrauschs (Stickstoffnarkose) ist beängstigend gut. Wenn er unter Wasser anfängt, wirres Zeug zu reden und die Realität verliert, leidet man als Hörer richtig mit.

DIE GEGENSPIELER


Einen klassischen "Bösewicht" gibt es hier eigentlich nicht – und genau das macht die Folge so stark. Der "Gegner" ist die Vergangenheit.

Joe Wilcox (gesprochen von Rolf Becker): Er ist der Inbegriff des verbitterten, alten Mannes, der ein Geheimnis hütet. Man hasst ihn, man versteht ihn, man fürchtet ihn.
Die Dorfgemeinschaft: Eine Verschwörung des Schweigens. Das wirkt bedrohlicher als jeder maskierte Juwelendieb.

BESTE MOMENTE


1. Der Tiefenrausch: Die Szene in der versunkenen Kirche ist Sound-Design-Gold. Das Blubbern, Bobs verwaschene Stimme, Peters Panik – das ist Kino für die Ohren und einer der spannendsten Momente der jüngeren Seriengeschichte.
2. Das Tagebuch: Ja, es ist viel Text am Ende. Aber wie Joan Myers (Christine Pappert) die tragische Geschichte von Charlie und dem Brand vorliest, das geht unter die Haut. Da vergisst man fast, dass man ein Jugendhörspiel hört.
3. Bobs Orakel: Ganz am Anfang haut Bob diesen Satz raus: "Der See entpuppt sich als Karpfenteich, das geheimnisvolle Glühen als stimmungsvolle Teichbeleuchtung..." – herrlich sarkastisch und fast prophetisch falsch.

SCHWACHSTELLEN


Wir müssen reden: Die Karte. Die Jungs fahren 700 Meilen nach Oregon und merken erst vor Ort, dass auf ihrer Karte ein riesiger See fehlt? In Zeiten von GPS und Google Earth (auch 2010 schon!) wirkt das etwas konstruiert. Justus' Erklärung ("Veraltete Karte") ist der klassische Deus Ex Machina, damit der Plot funktioniert.
Außerdem: Das Ende ist sehr monolog-lastig. Es ist eine wunderschöne, traurige Auflösung, aber wer Action bis zur letzten Sekunde braucht, könnte hier ungeduldig auf die Stopp-Taste schielen.

SERIEN-KONTEXT


Diese Folge ist ein Paradebeispiel für die "Ära Marx": Erwachsen, düster, psychologisch fundiert. Sie erinnert in ihrer Schwere an "Feuermond" oder "Nacht in Angst".
Interessant: Es ist eine der wenigen Folgen, in denen ein Verbrechen (fahrlässige Tötung/Brandstiftung) am Ende nicht der Polizei gemeldet wird. Die drei ??? entscheiden sich für moralische Gerechtigkeit statt Handschellen – sehr untypisch, aber passend.


SPRECHER-SPOTLIGHT


Hier wird mit der großen Kelle angerichtet:
Rolf Becker (Joe Wilcox): Eine Legende! Vater von Ben und Meret Becker. Er war schon in den Klassikern dabei (z.B. als Jon Travis in Folge 50 "Der verschwundene Filmstar" oder Gilbar in Folge 53 "Die Automafia"). Seine rauchige, autoritäre Stimme ist perfekt für den grimmigen Wirt.
Christine Pappert (Joan Myers): Kommt euch die Stimme bekannt vor? "DOUG!" – Richtig, das ist die deutsche Stimme von Carrie Heffernan aus King of Queens! Hier darf sie mal leise und tragisch statt hysterisch und wütend sein.
Heinz Lieven (Paul Brooks): Der Mann war ein Urgestein (leider 2021 verstorben). Er war auch in Folge 120 und 157 dabei. Seine Darstellung des verwirrten Alten ist herzzerreißend.
Jesse Grimm (Darren Duff): Ein vielbeschäftigter Sprecher, den man auch als Stimme von Tetris (im Film) oder aus diversen Animes kennt.

PRODUKTIONS-HISTORIE


Die Folge basiert auf dem gleichnamigen Buch von André Marx (2007), erschien als Hörspiel aber erst 2010. Warum? Der berüchtigte Rechtsstreit zwischen Sony und Kosmos hat damals für eine lange Pause gesorgt. Die Bücher erschienen weiter, die Hörspiele hingen hinterher. Deshalb wirkt die Folge auch heute noch "frischer" als ihre Nummer vermuten lässt – sie stammt eigentlich aus der kreativen Hochphase der 2000er.
Im Buch ist die Tauchszene übrigens noch ausführlicher und das Ende etwas länger – im Hörspiel wurde (wie immer) gestrafft, aber André Minninger hat hier gute Arbeit geleistet, den Kern der Story zu bewahren.


FAN-SERVICE-CHECK


Visitenkarte: Wird übergeben (check!).
Justus' Diät: Wird ignoriert (check!).
Peters Auto: Der MG muss leiden (Running Gag: Peter sorgt sich mehr um die Stoßdämpfer als um sein Leben).
Bobs Archiv: Er findet alles raus. Der Mann ist das Internet auf zwei Beinen.

FAZIT & EMPFEHLUNG


"...und das versunkene Dorf" ist keine Folge für zwischendurch. Es ist ein atmosphärisches Schwergewicht. Wer auf Klamauk und Verfolgungsjagden steht, ist hier falsch. Wer aber wissen will, wie gut die Serie sein kann, wenn sie sich traut, ernst und tragisch zu sein, der MUSS diese Folge hören. Es ist der Titanic-Moment der drei Fragezeichen: Nass, dramatisch und am Ende heulen alle ein bisschen.

Ein absolutes Highlight der 100er-Nummern!

Wusstest du schon?

Die Geschichte stammt aus der Feder von André Marx, der für seine komplexen Plots bekannt ist.
Dass ein Verbrechen (Brandstiftung mit Todesfolge) am Ende moralisch, aber nicht juristisch gesühnt wird, ist für die Serie eher ungewöhnlich.
Der 'Tiefenrausch', den Bob erlebt, ist medizinisch korrekt als Stickstoffnarkose dargestellt.
Cover
Bewertung
8.5
🤿 🤿 🤿 🤿 🤿 🤿 🤿 🤿 🤿 🤿
8,5 von 10 nicht durchgeführten Dekompressionsstopps
Das Rätsel
Der 'Spuk' (das Leuchten) wird erfrischend schnell als technischer Trick entlarvt. Das eigentliche Rätsel ist ein klassischer 'Cold Case', ein dunkles Geheimnis der Vergangenheit. Die Auflösung durch das Tagebuch ist zwar textlastig, aber emotional wuchtig und logisch hergeleitet.
Plot & Logik
Dass die Jungs erst vor Ort merken, dass der See auf ihrer Karte fehlt, ist etwas konstruiert – aber Bobs Recherche im Archiv und die Schlussfolgerung mit dem Wetterhahn sind stark. Das Tauchen ohne Dekompressionsstopps in diese Tiefe ist riskant, wird aber durch Bobs Tiefenrausch (Stickstoffnarkose) konsequent und dramatisch in die Handlung eingebunden.
Kapitel
1 Ein neuer Fall 0:00 min
2 Der Mann im Wasser 2:24 min
3 Ein Arzt muss her! 10:02 min
4 Heiße Dusche 12:21 min
5 Das Phantom von Ridgelake 19:58 min
6 Auf der Lauer 24:09 min
7 Schlachtpläne 32:22 min
8 Hinab in die Tiefe 38:48 min
9 Luftnot 42:26 min
10 Tiefenrausch 44:24 min
11 Der letzte Wille 50:07 min
12 Cassandra 56:57 min
13 Abschied von Ridgelake 65:47 min

Im Detail

J
Justus Jonas
Zeigt sich als unerbittlicher Logiker ('Wir sind nicht zum Vergnügen hier') und trifft die harte Entscheidung, die Tauchgänge durchzuführen. Seine Deduktion zum Stausee ist ein Highlight.
P
Peter Shaw
Der absolute Held der Folge. Er rettet erst Paul Brooks und später Bob das Leben. Er ist mutig, pragmatisch und körperlich gefordert wie selten.
B
Bob Andrews
Glänzt erst als Archivar, wird dann aber zum tragischen Opfer des Tiefenrauschs. Seine Halluzinationen in der Unterwasser-Kirche sind ein Gänsehaut-Moment.

Sprecher

Verwandte Folgen

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