Zusammenfassung
Am nächsten Tag stoßen Peter und Bob dazu. Gemeinsam erkunden die drei ??? den Keller, wo Carter sämtliche Möbel seiner 'verlorenen Zeit' eingelagert hat. In einer Kiste finden sie Hinweise auf die 'Soan-Sekte', der Carter offenbar angehörte, sowie einen Zeitungsartikel über den Raub des wertvollen 'Skarabäus von Sinuris'. Justus kombiniert, dass Carter in den Diebstahl verwickelt war und die Beute im Haus versteckt hat, sich aber nicht mehr daran erinnern kann. Bob recherchiert, dass die Versicherung bereits eigene Ermittler auf den Fall angesetzt hat.
Die Suche nach den 'sieben Toren' scheint zunächst aussichtslos, bis Justus einen genialen Einfall hat: Es handelt sich nicht um Tore (Durchgänge), sondern um 'Toren' (Narren). Er identifiziert sieben groteske Steinfiguren an der Fassade und im Inneren des Hauses als diese Toren. Auf einem alten Wandgemälde und am Gebäude selbst analysieren die Detektive die Blickrichtungen der Steinfratzen. Alle Blicke kreuzen sich an einem Punkt auf der Galerie der Eingangshalle. Unter einer Bodenfliese mit Schlangenmotiv finden sie schließlich das Versteck.
Darin liegen Carters Tagebuch und der gestohlene Skarabäus. Plötzlich bedroht Gärtner Montgomery die Anwesenden – er war Carters Komplize beim Raub und der Verfasser des anonymen Briefes. Bevor er fliehen kann, greift der Butler Albert ein, der sich als Versicherungsdetektiv Holmund entpuppt. Montgomery wird überwältigt. Carter sieht einem Prozess gelassen entgegen, da er durch das Tagebuch endlich seine verlorenen Erinnerungen zurückerhält. Justus resümiert: 'Wir hätten die sieben Toren suchen sollen. Die unheimlichen Steinfiguren... Toren, nicht Tore, keine Türen, Pforten oder Durchgänge, sondern Toren im Sinne von der Tor, der Narr.'
Review
Hallo liebe Detektiv-Kollegen und Spezis,
heute knöpfen wir uns einen echten Leckerbissen aus der „Neuzeit“ (okay, 2003 ist für manche von uns schon Antike) vor. Es geht um Folge 108: „Die sieben Tore“. Schnappt euch einen Kirschkuchen, lehnt euch zurück und lasst uns in den Nebel von Salem eintauchen. Denn diese Folge, Freunde, ist so atmosphärisch, dass man beim Hören fast modrigen Holzboden riechen kann.
ERSTER EINDRUCK
BÄM. Schon der Einstieg ist anders. Justus Jonas, unser erster Detektiv, der sonst nur die Zentrale verlässt, um zum Schrottplatz-Tor zu gehen (und selbst das nur widerwillig), ist plötzlich allein unterwegs? Und er übernachtet auswärts? Ohne Peter und Bob? Hat Tante Mathilda ihn rausgeworfen? Hat er den Schlüssel zur Zentrale verschluckt? Nein, er ist auf Solo-Mission. Das allein sorgt schon für Gänsehaut. Die Stimmung im „Engströmhaus“ ist von Sekunde eins an so dicht, dass man sie mit einem Messer schneiden könnte. Es wirkt weniger wie eine typische ???-Folge und mehr wie ein Grusel-Kammerspiel von Edgar Wallace. Man denkt sofort: „Okay, hier stimmt was nicht, und ich liebe es.“
DIE STORY
Caspar Carter ist ein Mann mit Problemen. Erstens: Er wohnt in einer Hütte, die „Gemütlichkeit“ nur aus dem Wörterbuch kennt. Zweitens: Er hat sein Gedächtnis verloren. Neun Monate sind futsch – einfach weg, wie Peters Mut bei einer Geistersichtung. Ein mysteriöser Brief fordert ihn auf, das Versteck hinter den „sieben Toren“ zu finden, um seine Erinnerung zurückzubekommen. Da Carter in seinem Haus keine sieben Tore findet (und vermutlich auch zu faul zum Suchen ist), engagiert er Justus. Was folgt, ist eine Schnitzeljagd durch ein fast leeres Haus, bei der sich herausstellt, dass Carters Vergangenheit dunkler ist als ein Stromausfall in Rocky Beach. Es geht um Kunstraub, eine zwielichtige Sekte (die „Soan-Sekte“) und die Frage, wem man eigentlich trauen kann, wenn man sich selbst nicht mal traut.
UNSERE HELDEN
Justus Jonas: Der erste Detektiv ist hier in absoluter Bestform. Und mit Bestform meine ich: Er ist so herrlich arrogant und selbstsicher, dass es eine Freude ist. Sein Solo-Auftritt am Anfang zeigt, dass er auch ohne seine „Handlanger“ (sorry, Peter und Bob!) funktionieren kann. Er lässt sich von dem griesgrämigen Carter nicht einschüchtern und kontert dessen Alters-Bashing mit Sätzen für die Ewigkeit: „Intelligenz und Spürsinn haben kaum etwas mit dem Alter zu tun.“ Nimm das, Boomer! Und natürlich: Justus löst das Rätsel. Nicht durch Glück, sondern durch reine, destillierte Intelligenz. Ein echter Justus-Moment.
Peter Shaw: Unser Sport-Ass kommt später dazu und darf das tun, was er am besten kann: Dinge bemerken, die anderen entgehen (die Blickrichtungen auf dem Gemälde!) und körperlich arbeiten. Peter ist hier weniger der Angsthase vom Dienst, sondern ein solider Partner. Er fungiert als das Auge des Teams, während Justus das Hirn ist.
Bob Andrews: Der Mann für Recherchen und Archiv darf wieder in Zeitungsartikeln wühlen. Bob ist hier derjenige, der die Brücke zur Realität schlägt – er findet die Infos über den Kunstraub und die Sekte. Ohne ihn würden Justus und Peter immer noch Steinfiguren anstarren und sich fragen, warum der Hausherr so komisch drauf ist. Solide Arbeit, Kollege Andrews!
DIE GEGENSPIELER
Caspar Carter: Was für eine Figur! Claus Wilcke spricht ihn so herrlich ambivalent. Ist er böse? Ist er ein Opfer? Man schwankt ständig zwischen Mitleid und Misstrauen. Er ist der perfekte „unzuverlässige Erzähler“, weil er sich ja selbst nicht erinnert. Ein Highlight an Charakterzeichnung.
Daniel Montgomery: Der Gärtner. Leute, der Gärtner! Klischee-Alarm? Von wegen. Er wirkt erst wie der nette Onkel von nebenan, der Justus Infos zusteckt, und entpuppt sich dann als der Drahtzieher. Ein schöner Twist, auch wenn „Der Gärtner war’s“ fast schon zu klassisch ist, um wahr zu sein.
Albert (Holmund): Der Butler, der eigentlich Versicherungsdetektiv ist. Wolf Rathjen gibt ihm eine wunderbare Strenge, die am Ende Sinn ergibt. Dass gleich das ganze Personal undercover oder kriminell ist, spricht nicht gerade für Carters Menschenkenntnis (oder die seiner Personalagentur).
BESTE MOMENTE
Leute, wir müssen über DAS RÄTSEL reden. Die Auflösung um „Tore“ vs. „Toren“ ist für mich der beste Aha-Moment der neueren Seriengeschichte. Es ist so simpel, so genial und so linguistisch befriedigend. Justus erklärt: „Wir hätten die sieben Toren suchen sollen. […] Toren im Sinne von der Tor, der Narr.“ Da sitzt man vor dem Lautsprecher und klatscht sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Warum sind wir da nicht selbst drauf gekommen? Es ist ein Wortspiel, das nur im Deutschen so perfekt funktioniert und zeigt, wie wichtig Sprache bei den drei ??? ist.
Ein weiterer Gold-Moment: Das erste Aufeinandertreffen von Justus und Carter. Die verbale Fechtpartie zwischen den beiden ist großes Kino. Justus lässt sich nicht wie ein dummer Junge behandeln, sondern tritt auf wie ein Profi. Gänsehaut!
SCHWACHSTELLEN
Okay, Hand aufs Herz: Wenn Montgomery (der Gärtner) wusste, dass das Versteck „von den sieben Toren bewacht“ wird... warum hat er dann nicht selbst mal die Augen aufgemacht? Er arbeitete da jeden Tag! Die Steinfratzen sind ja nicht unsichtbar. Dass er Justus braucht, um auf die Idee mit den Blickrichtungen zu kommen, lässt ihn als Kriminellen etwas... nun ja, beschränkt wirken. Vielleicht war er zu sehr mit Unkrautjäten beschäftigt? Und: Die ganze „Soan-Sekte“-Storyline wirkt ein bisschen wie „Drangeklatscht“, um noch etwas Exotik reinzubringen. Der Kunstraub hätte als Motiv völlig gereicht.
SERIEN-KONTEXT
Jetzt wird’s nerdig! Folge 108 stammt aus der Feder von André Marx, dem unbestrittenen König der modernen drei ???-Autoren. Marx ist bekannt dafür, dass er die Serie wieder näher an die Klassiker-Atmosphäre gerückt hat, und „Die sieben Tore“ ist das perfekte Beispiel dafür. Es gibt keine UFOs, keine übertriebene Action, sondern ein altes Haus, ein Rätsel und Atmosphäre.
Interessant ist die Einordnung: Die Folge gilt unter Fans als eines der besten Rätsel-Abenteuer überhaupt. Sie wird oft in einem Atemzug mit Klassikern wie „Gespensterschloss“ genannt, wenn es um das Setting geht. Es gibt keine direkten Verbindungen zu anderen Fällen (kein Hugenay, kein Skinny Norris), was die Folge zu einem perfekten „Stand-alone“-Hörspiel macht. Man kann sie jedem Neuling in die Hand drücken und sagen: „Hier, hör das, dann verstehst du, warum wir das feiern.“
SPRECHER-SPOTLIGHT
Haltet euch fest, denn die Besetzungsliste ist ein Who-is-Who der deutschen TV-Geschichte:
Claus Wilcke (Caspar Carter): Eine absolute Legende! Er wurde berühmt als Percy Stuart in der gleichnamigen Kult-Serie (1969–1972). Dass der Mann, der als exzentrischer Abenteurer Percy Stuart bekannt wurde, hier den exzentrischen Amnesie-Patienten spielt, ist ein herrliches Casting-Easter-Egg. Außerdem kennt man seine Stimme vielleicht als Synchronstimme von Elvis Presley (in einigen Filmen) oder sogar George Hamilton.
Hans Sievers (Montgomery): Ruhe in Frieden, Legende. Hans Sievers war niemand Geringeres als die deutsche Stimme von Peter Falk in den Columbo-Video-Synchronisationen! Stellt euch das vor: Columbo ist der Gärtner und der Bösewicht! Außerdem war er jahrelang als Erzähler beim „Sandmännchen“ zu hören. Von „Gute Nacht, liebe Kinder“ zu „Ich raube Kunstschätze“ – was für eine Range!
Wolf Rathjen (Albert/Holmund): Noch so eine Stimme, die man sofort erkennt. Er war unter anderem Papa Schlumpf in der Zeichentrickserie! Ja, richtig gehört. Der strenge Butler ist Papa Schlumpf. In der drei ???-Welt kennt man ihn auch aus der Klassiker-Folge 33 „Die bedrohte Ranch“ (dort als Mr. Prentice).
Thomas Fritsch (Erzähler): Er war zu dieser Zeit fest als Erzähler etabliert (nach dem Tod von Matthias Fuchs) und bringt diese wunderbare, märchenhafte Gravitas mit, die perfekt zum gotischen Setting passt.
PRODUKTIONS-HISTORIE
Die Folge basiert auf dem gleichnamigen Buch von André Marx, das 2002 erschien. Das Hörspiel kam 2003 raus. Ein spannendes Trivia-Stück aus einem Interview mit André Marx: Er hatte den Titel „Die sieben Tore“ schon Jahre im Kopf, bevor er überhaupt eine Geschichte dazu hatte! Er wusste nur, dass ein Buch so heißen muss. Die Idee mit dem Wortspiel „Tor/Toren“ kam ihm erst während des Schreibens – er wusste am Anfang selbst nicht, was die Lösung ist! Das erklärt vielleicht, warum das Rätsel so organisch wirkt; der Autor hat quasi mitgerätselt.
Im Buch ist die Hintergrundgeschichte der „Soo-An-Sekte“ (im Buch oft mit Doppel-O geschrieben) noch deutlich ausführlicher. Im Hörspiel wurde das etwas gestrafft, was dem Tempo gut tut, aber die Sekte etwas blass erscheinen lässt. Ein interessantes Detail zur Produktion: Dies war eine der Folgen, wo Europa endlich den „Track-Fluch“ besiegt hatte – frühere CDs hatten oft viel zu wenig Tracks, hier konnte man endlich vernünftig skippen (auch wenn man das bei dieser Folge gar nicht will!).
FAN-SERVICE-CHECK
Justus' Wortschatz: „Toren im Sinne von der Tor, der Narr.“ – Ein Satz für die Ewigkeit.
Visitenkarte: Wird natürlich übergeben (auch wenn Justus allein ist, er hat sie sicher griffbereit).
Kirschkuchen: Leider Mangelware, da Justus nicht zu Hause ist. Dafür gibt es ungenießbaren Tee bei Mr. Carter.
Zentrale: Wir vermissen sie kurz, aber das Engströmhaus ist ein würdiger Ersatz.
FAZIT & EMPFEHLUNG
„Die sieben Tore“ ist ein Meisterwerk der Atmosphäre. Wer Action und Explosionen sucht, ist hier falsch. Wer aber mitfiebern will, wie Justus Jonas allein durch reine Deduktion ein sprachliches Rätsel knackt, der ist hier goldrichtig. Die Folge beweist, dass die drei ??? auch im 21. Jahrhundert noch klassische Schauergeschichten erzählen können. Das Wortspiel-Rätsel hebt die Folge von „Gut“ auf „Exzellent“.
Für wen? Für Rätsel-Freunde, Wortakrobaten und alle, die Justus mal ohne „Erster!“ rufen zu hören, erleben wollen (weil keiner da ist, dem er es zurufen könnte).
Ranking-Status: Top 15 Material. Ein moderner Klassiker.
So, und jetzt entschuldigt mich, ich gehe in den Garten und schaue, ob meine Gartenzwerge mich böse anstarren – vielleicht bewachen sie ja das Bernsteinzimmer.