Zusammenfassung
Die drei ??? durchsuchen Abrahams Wohnung. Während sie dort sind, bricht eine weitere Person ein, durchwühlt alles und flieht vor der anrückenden Polizei. Peter findet unter der Matratze einen Brief, der von einem Versteck am 'Sunny Mountain' und einem 'guten Stück' spricht, das bald bewegt werden muss. Zurück in der Zentrale finden sie ein anonymes Foto im Briefkasten, das den Täter mit einem verhüllten Gegenstand zeigt. Die Spur führt zu Trisha Wilson in Malibu. Sie identifiziert das Foto als Aufnahme aus einem Überwachungsvideo eines Einbruchs vor einem Jahr, bei dem der wertvolle 'Cortés-Spiegel' gestohlen wurde. Justus bemerkt bei der Analyse des Videos ein entscheidendes Detail: In einer Szene trägt der Täter eine Uhr, in der nächsten nicht mehr.
Die Detektive fahren zum Abrisshaus am Sunny Mountain. Dort entdecken Justus und Bob im Keller einen als Heizung getarnten Safe mit drei Schlüssellöchern. Sie werden von Abraham überrascht und gefangengenommen. Kurz darauf wird auch Peter, der in der Zentrale von einem vermeintlichen Jeremiah getäuscht wurde, von Jacob King herbeigebracht. Es stellt sich heraus: Die Kings sind keine Zwillinge, sondern Drillinge. Sie hatten den Spiegel gemeinsam gestohlen und im mit einer Bombe gesicherten Safe versteckt, der nur mit allen drei Schlüsseln gleichzeitig zu öffnen ist. Jacob wollte seine Brüder gegeneinander ausspielen, um die Beute allein zu kassieren. Als die Situation im Keller eskaliert und die Brüder den Safe öffnen wollen, droht Justus, das Schloss zu manipulieren. Die Rettung naht in letzter Sekunde durch Inspector Cotta, den Peter heimlich per SMS aus der Hosentasche alarmiert hatte.
Review
Hallo liebe Kollegen, Detektive und Kassettenkinder!
Schnappt euch eine kalte Cola (aber bitte keine Light, wir sind ja nicht auf Diät wie Tante Mathilda), lehnt euch in eurem ausrangierten Rolls-Royce-Sitz zurück und lasst uns über eine Folge reden, die so viele Wendungen hat wie der Weg zum Gespensterschloss. Wir reisen zurück ins Jahr 2002. Eine Zeit, als Handys noch Tasten hatten, das Internet noch Geräusche machte und wir alle dachten, André Marx wäre der leibhaftige Nachfolger von Robert Arthur. Heute auf dem Seziertisch: Folge 102 – Doppelte Täuschung.
Ich sage es gleich vorweg: Diese Folge ist wie ein guter Kirschkuchen von Tante Mathilda – saftig, dunkel und mit einer Überraschung in der Mitte, auf die man so schnell nicht kommt (hoffentlich kein Stein, sondern eher eine in Rum eingelegte Rosine).
ERSTER EINDRUCK
Kennt ihr das? Ihr legt eine neue Kassette ein (oder CD, wir sind ja modern), die Musik von J.F. Conrad setzt ein, und ihr wisst sofort: "Okay, heute wird’s ernst." Doppelte Täuschung vergeudet keine Zeit mit Geplänkel. Wir starten direkt mit Action. Keine entlaufenen Katzen, keine seltsamen Geräusche auf dem Dachboden – nein, ein waschechter Banküberfall. Die Atmosphäre ist von Sekunde eins an dichter als der Nebel in London. Es wirkt nicht wie ein Kinderabenteuer, sondern wie ein solider Thriller, der zufällig in Rocky Beach spielt. Man merkt sofort die Handschrift von André Marx: Die Logik steht im Vordergrund, die Bedrohung wirkt realer, und Justus muss diesmal wirklich sein Gehirn anstrengen, statt nur Zufallsfunde zu kombinieren.
DIE STORY
Also, worum geht’s? Unser lieber Bob Andrews, seines Zeichens Meister der Recherche und anscheinend Magnet für Schwerverbrechen, steht in einer Bank in Rocky Beach. Plötzlich: Überfall! Der Täter flüchtet, stolpert aber über Bobs Fahrrad (typisch Bob, parkt wahrscheinlich so chaotisch wie er seine Notizen sortiert) und verliert kurz die Maske. Bob sieht das Gesicht: Schwarze Locken, Vollbart.
Soweit, so klassisch. Doch dann wird’s wild. Ein Mann taucht auf dem Schrottplatz auf, der EXAKT so aussieht wie der Bankräuber. Er stellt sich als Jeremiah King vor und behauptet, sein Zwillingsbruder Abraham sei der Täter. Er will ihn finden, bevor es die Polizei tut. Unsere drei Detektive lassen sich engagieren – Ehrensache. Aber kaum haben sie die Wohnung des Bruders durchsucht, tauchen immer mehr Ungereimtheiten auf. Ein mysteriöser Brief, ein wertvoller Spiegel, der einst dem Eroberer Cortés gehört haben soll, und ein Foto, das Fragen aufwirft.
Das Geniale an der Story: Wir Hörer werden genauso an der Nase herumgeführt wie Justus, Peter und Bob. Ist es Jeremiah? Ist es Abraham? Oder spielt hier jemand ein ganz falsches Spiel? Spoiler-Alarm für den nächsten Satz: Dass der Titel "Doppelte Täuschung" eigentlich eine Untertreibung ist, merken wir erst im fulminanten Finale. Es geht um Gier, Verrat unter Brüdern und einen Safe, der so kompliziert gesichert ist, dass selbst Justus kurz ins Schwitzen kommt.
UNSERE HELDEN
Justus Jonas:
Leute, Justus ist in dieser Folge in absoluter Hochform. Wir erleben hier den "Sherlock-Justus", den wir so lieben. Es gibt diese eine Szene (dazu später mehr bei den "Besten Momenten"), in der er ein Überwachungsvideo analysiert. Wie er da sitzt, schmatzend (vermutlich), und aus einem winzigen Detail eine ganze Kausalkette ableitet – das ist Gänsehaut pur für Fans. Er ist arrogant, er ist brillant, und er beleidigt Kriminelle auf eine Art, wie nur er es kann. Einziger Kritikpunkt: Er lässt sich anfangs etwas zu leicht von der Zwillings-Story einlullen. Aber gut, wer rechnet schon mit dem Ende?
Peter Shaw:
Unser Zweiter Detektiv muss hier richtig ran. Er ist nicht nur der Fahrer oder der Angsthase vom Dienst. Nein, Peter ist hier der Mann für die brenzligen Situationen. Er wird entführt (Klassiker), aber wie er damit umgeht, zeigt seine Entwicklung. Er behält einen kühlen Kopf und nutzt moderne Technik (für 2002er Verhältnisse), um den Tag zu retten. Peter beweist hier einmal mehr, dass er das Herz und die Muskeln der Truppe ist – und manchmal auch das Hirn, wenn es um praktische Lösungen geht.
Bob Andrews:
Armer Bob. Wirklich. Der Mann wollte wahrscheinlich nur kurz Geld abheben, um sich neue Kontaktlinsenflüssigkeit zu kaufen, und landet mitten in einem Bankraub. Bob ist der Auslöser des Falls, und seine Rolle als Augenzeuge ist essenziell. Er fungiert hier als das Bindeglied zwischen dem Verbrechen und der Detektivarbeit. Auch wenn er im Finale etwas passiver ist (weil gefesselt, wir kennen das), ist seine Recherchearbeit im Vorfeld – das Finden des Briefes unter der Matratze – der Schlüssel zum Erfolg.
DIE GEGENSPIELER
Die King-Brüder. Oh, boy. Was für eine dysfunktionale Familie. Stellt euch vor, ihr habt Geschwister, aber statt euch um das letzte Stück Pizza zu streiten, bedroht ihr euch mit Pistolen und baut Bomben in Safes ein. Die Dynamik zwischen den Brüdern (ich versuche, nicht zu viel zu spoilern, aber ihr wisst schon...) ist faszinierend. Sie sind getrieben von purer Gier und absolutem Misstrauen. Keiner traut dem anderen auch nur so weit, wie er ihn werfen kann. Das macht sie unberechenbar und gefährlich. Sie sind keine Comic-Bösewichte, die die Weltherrschaft wollen, sondern "realistische" Kriminelle, die einfach nur reich werden wollen – und das macht sie so greifbar.
BESTE MOMENTE
1. Die Video-Analyse: Justus schaut sich das Überwachungsband des Spiegel-Raubs an. Alle sehen nur einen Einbrecher. Justus sieht eine Uhr. Oder eben keine Uhr. Sein Monolog: "Warum sollte ein Einbrecher während der Tat seine Armbanduhr abnehmen?" – BÄM! Da fällt der Groschen. Das ist Deduktion auf Weltklasse-Niveau. Da möchte man am liebsten aufstehen und applaudieren.
2. Das Keller-Finale: Die drei ??? sind gefangen, die Bösewichte sind sich uneinig, und Justus nutzt das eiskalt aus. Er analysiert die psychologische Situation der Täter während er mit einer Waffe bedroht wird. Und dann fällt dieses eine Wort. Justus nennt einen der Brüder eine "Fettwurst". Ich musste so lachen! Justus Jonas, der Meister der gewählten Ausdrucksweise, packt eine Schulhof-Beleidigung aus. Großartig!
3. Die Blind-SMS: Peter hat die Hände in den Taschen und tippt blind eine SMS an Inspector Cotta. Heute kann das jedes Kind (oder auch nicht mehr, dank Touchscreens), aber damals auf den alten Nokia-Knochen war das eine echte Skill-Frage. T9 sei Dank! Das war Spannung pur: Vertippt er sich? Kommt die Nachricht an?
SCHWACHSTELLEN
Wenn wir ehrlich sind, ist die Grundprämisse schon sehr konstruiert. Bob läuft zufällig in den Banküberfall des Bruders des Mannes, der sie beauftragt? Rocky Beach muss wirklich ein Dorf sein. Und dass die Brüder dieses komplizierte Spiel mit den drei ??? treiben, nur um an den Schlüssel zu kommen... naja, warum nicht einfach einbrechen? Aber hey, das ist Meckern auf hohem Niveau. Wir sind hier bei den drei Fragezeichen, da gehören seltsame Zufälle zum guten Ton wie Peters Dietrich-Set.
Ein kleiner Kritikpunkt zur Audio-Produktion: Manchmal wirken die Übergänge zwischen den Szenen etwas abrupt, aber das ist dem straffen Pacing geschuldet.
SERIEN-KONTEXT
Jetzt mal Butter bei die Fische (oder Kirschen auf den Kuchen). Wo ordnen wir Folge 102 ein?
Wir befinden uns in der "Goldenen Ära" von André Marx. Nachdem er mit der Folge 100 (Toteninsel) ein absolutes Epos abgeliefert hatte, war die Angst groß: Geht es jetzt bergab? Doppelte Täuschung beweist das Gegenteil. Die Folge markiert den endgültigen Übergang der Serie in die Moderne. Die drei ??? sind keine Kinder mehr. Sie haben Handys, sie nutzen Beamer, sie fahren Auto. Inspektor Cotta (Holger Mahlich) ist hier bereits fest als der "neue Reynolds" etabliert – aber cooler, zynischer und mehr auf Augenhöhe mit den Jungs.
Interessant ist auch die Figur der Jenny Collins. Die rasende Reporterin taucht hier wieder auf (gesprochen von Anja Topf). Sie war schon in Folge 95 (Botschaft von Geisterhand) und 96 (Der Rote Rächer) dabei. Sie ist so etwas wie der weibliche Bob Andrews der Medienwelt von Rocky Beach und bringt immer eine schöne Dynamik rein, weil sie die Jungs auch mal unter Druck setzt.
Diese Folge gilt unter Fans oft als "Hidden Gem". Sie wird selten in den Top-10-Listen genannt, aber wenn man Fans fragt, nicken alle anerkennend: "Ja, die war richtig stark!"
SPRECHER-SPOTLIGHT
Leute, wir müssen über Wolfgang Condrus reden. Er spricht die Rolle(n) der King-Brüder. Wenn ihr die Augen schließt, hört ihr hier niemand Geringeren als Sam Neill (Jurassic Park – Dr. Grant!), Ed Harris (The Rock, Apollo 13) oder auch Mark Harmon (Gibbs aus NCIS). Condrus hat diese unglaublich markante, leicht raue, aber beruhigende Stimme. Seine Leistung hier ist phänomenal. Er muss (Achtung Spoiler) Drillinge sprechen, die sich ähnlich sind, aber doch Nuancen haben. Er schafft es, die Bedrohlichkeit und die Verzweiflung der Charaktere so rüberzubringen, dass man ihm jedes Wort abkauft. Ein absolutes Highlight der Casting-Abteilung!
Auch erwähnenswert: Matthias Fuchs als Erzähler. Er war der Nachfolger des legendären Peter Pasetti. Folge 102 stammt aus dem Jahr 2002, Fuchs starb leider kurz darauf (seine letzte reguläre Folge als Erzähler war die 103). Seine Stimme ist hier wunderbar ruhig und führt souverän durch die Handlung. Ein letztes Aufbäumen einer tollen Erzähler-Ära, bevor Thomas Fritsch übernahm.
PRODUKTIONS-HISTORIE
Erschienen ist das Hörspiel am 11. März 2002. Das Buch von André Marx kam schon 2001 heraus. Wir befinden uns hier produktionstechnisch in einer interessanten Zeit: Der Übergang von der Kassette zur CD war voll im Gange. Die Soundeffekte wurden "knackiger", digitaler. André Minninger (Buch und Effekte) hat hier ganze Arbeit geleistet, die Vorlage von Marx fast 1:1 umzusetzen. Es gibt kaum nennenswerte Kürzungen, die den Plot beschädigen würden – was bei Marx-Büchern oft schwer ist, da sie so dicht erzählt sind.
FAN-SERVICE-CHECK
Bob und die Banken: Es ist ein wunderschöner Running Gag (oder eher Running Trauma), dass Bob wieder in einen Banküberfall gerät. Das erste Mal passierte das im Klassiker Folge 31 (Das Narbengesicht). Damals sah er auch das Gesicht des Täters. Man möchte Bob zurufen: "Junge, nutz den Geldautomaten im Drive-In!"
Die Zentrale: Es wird schön beschrieben, wie Justus die Zentrale mit neuer Technik (Beamer) aufrüstet. Der "Hitchcock-Virus" (ein kleines Programm, das Justus schreibt) wird erwähnt – ein nettes Nicken an die moderne Zeit.
Justus' Gewicht: Natürlich darf eine Anspielung auf Justus' Leibesfülle nicht fehlen, auch wenn sie hier eher subtil durch sein Essverhalten und die "Fettwurst"-Spiegelung (im übertragenen Sinne) kommt.
FAZIT & EMPFEHLUNG
"Doppelte Täuschung" ist wie ein gut geschliffener Diamant (oder ein polierter Cortés-Spiegel): Hart, glänzend und schneidend scharf. Es ist keine Gruselfolge, es ist kein Trash. Es ist ein erstklassiger Kriminalfall, der von seinen Logikrätseln und der psychologischen Spannung lebt.
Wer diese Folge hören sollte:
Fans von "Sherlock-Justus".
Leute, die gute Sprecher-Leistungen (Wolfgang Condrus!) feiern.
Jeder, der wissen will, wie man Drillinge auseinanderhält.
Wer sie überspringen kann:
Leute, die Gespenster und Monster brauchen.
Fans, die komplexe Familienverhältnisse hassen.
Für mich ist Folge 102 ein absolutes Muss im Regal. Sie zeigt, warum die Ära Marx so wichtig für das Überleben der Serie war. Intelligent, spannend und mit genau der richtigen Prise Humor.
Und jetzt entschuldigt mich, ich muss meine Armbanduhr checken – nicht, dass ich sie versehentlich bei einem Einbruch trage...