Zusammenfassung

Der Fall beginnt auf dem Schrottplatz, als der aufgebrachte Mr. Jefferson Onkel Titus beschuldigt, ihn betrogen zu haben. Jefferson hat für viel Geld einen angeblichen Unikat-Spiegel aus dem 16. Jahrhundert gekauft, nur um wenig später ein identisches Stück in einer Galerie zu entdecken. Titus beteuert seine Unschuld: Er kaufte den Spiegel von seiner Bekannten Irma Bannister. Das Problem: Irma ist kurz darauf bei einem Segelunfall vor Ventura ertrunken, ihre Leiche wurde nie gefunden.

Die drei ??? übernehmen den Fall. In der Galerie stellt sich heraus, dass der zweite Spiegel eine Fälschung aus Texas ist. Ein Besuch beim Bankdirektor Dimitrios enthüllt, dass Irma Bannister hoch verschuldet war und ihre Kunstsammlung der Bank als Sicherheit diente. Justus entwickelt den Verdacht, dass Irma ihren Tod nur vorgetäuscht hat, um der finanziellen Misere zu entkommen. Bob recherchiert bei der Zeitung und stößt auf den Reporter Don Jordan, der sich merkwürdig verhält und kurz darauf Opfer eines Anschlags mit einem Blumenkübel wird.

Die Ermittlungen führen die Detektive zu Irmas Freundin Lu Kwan und deren Tochter Olivia. Ein Hinweis auf einen Brief einer 'Schulfreundin' bestärkt Justus' Verdacht. Als die Jungen den einzigen Verwandten, den Boxtrainer Raoul Santoria, befragen, werden sie schroff abgewiesen. Auf der Rückfahrt werden Justus und Peter in einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd von einem grauen Chrysler fast in eine Schlucht gedrängt. Um Gewissheit zu erlangen, stellen sie Lu Kwan eine Falle: Tante Mathilda imitiert am Telefon Irmas Stimme.

Das Finale findet auf der Versteigerung von Irmas Nachlass statt. Als Santoria dort auftaucht, erscheint plötzlich die totgeglaubte Irma Bannister höchstpersönlich und konfrontiert ihren Neffen. Es stellt sich heraus, dass Irma den Versicherungsbetrug plante, Santoria sie aber hinterging und das Geld für sich behielt. Titus' Spiegel war das echte Original, während die Bank nur die Kopie besaß.

Review

Tante Mathilda undercover und ein Spiegel-Drama, das es in sich hat!
Onkel Titus unter Betrugsverdacht? Nicht mit Justus, Peter und Bob! In Folge 'Die verschwundene Seglerin' gibt es eine tote Seglerin, die gar nicht so tot ist, und Tante Mathilda liefert ihre beste schauspielerische Leistung ab.

Hallo liebe Detektiv-Kollegen und willkommen zurück in der Zentrale!

Schnappt euch ein Stück von Tante Mathildas legendärem Kirschkuchen (aber Vorsicht, nicht krümeln!), lehnt euch im Recaro-Sitz zurück und stellt die Abhöranlage auf Empfang. Heute widmen wir uns einem Fall aus der Ära, als Handys noch so groß waren wie Ziegelsteine und die drei ??? langsam aber sicher erwachsen wurden. Wir reden über Folge 071: Die verschwundene Seglerin.

Ein Fall, der auf dem Papier vielleicht nach Standard-Krimi klingt, aber – Spoiler-Alarm – einige der witzigsten und skurrilsten Momente der 90er-Jahre-Ära bereithält. Also, Justus nickt bedächtig, Peter poliert den MG und Bob... nun ja, Bob sortiert wahrscheinlich gerade Akten. Los geht's!

ERSTER EINDRUCK


Man legt die Kassette (oder streamt die Datei) ein und wird direkt ins Chaos auf dem Schrottplatz geworfen. Nichts ist schlimmer, als wenn die Integrität der Firma Titus Jonas Gebrauchtwarencenter infrage gestellt wird! Der Einstieg ist stark, weil er persönlich ist. Man spürt sofort: Hier geht es nicht um irgendeinen Klienten, hier geht es um die Familienehre. Das packt einen direkt. Die Atmosphäre ist dicht, urban und weniger "gruselig" als vielmehr "Hard-Boiled-Light". Es riecht nach Betrug, salziger Meeresluft und... Angstschweiß von Peter.

DIE STORY


Onkel Titus hat angeblich Mist gebaut. Er hat einen venezianischen Spiegel als Unikat verkauft, doch plötzlich taucht ein Zwilling auf. Der Käufer, ein gewisser Mr. Jefferson, dreht völlig am Rad. Titus hat den Spiegel von einer gewissen Irma Bannister, die – und jetzt wird's tragisch – kurz darauf bei einem Segelunfall vor Ventura ertrunken ist. Leiche? Fehlanzeige. Justus kombiniert schneller als ein Supercomputer: Kein Körper, zwei Spiegel, hohe Schulden – hier stinkt etwas gewaltig nach Versicherungsbetrug! Während Bob seine Zeitungskontakte spielen lässt, geraten die Jungs ins Visier eines rabiaten Boxers und eines mysteriösen grauen Chrysler. Es folgt eine klassische Schnitzeljagd von Santa Monica bis Ventura, die in einem explosiven Finale in einer Auktionshalle endet.

UNSERE HELDEN


Justus "Der Chef" Jonas: Unser Erster Detektiv ist in Hochform. Er lässt sich von cholerischen Kunden nicht einschüchtern und zieht Schlüsse, auf die selbst Sherlock Holmes neidisch wäre. Besonders schön: Seine Analysefähigkeiten, als er nur anhand der Reaktion einer Frau auf einen Brief sofort weiß, dass Irma noch lebt. Ein echter Justus-Moment!

Peter "Der Schisser" Shaw: Ach Peter, wir lieben dich. Er darf wieder den MG an seine Grenzen bringen. Die Verfolgungsjagd ist sein Highlight, auch wenn die Temperaturanzeige des Autos genauso rot glüht wie Peters Kopf. Seine Panik ist greifbar, aber wenn es drauf ankommt, lenkt er die Karre wie ein junger Gott.

Bob "Recherchen & Archiv" Andrews: Bob ist der MVP (Most Valuable Player) dieser Folge. Er nutzt nicht nur Papas Kontakte zur Zeitung, sondern führt auch das entscheidende Telefonat mit Lu Kwan. Er improvisiert, lügt charmant und treibt die Handlung voran. Ohne Bob würden die anderen beiden immer noch auf dem Schrottplatz stehen und Spiegel polieren.

DIE GEGENSPIELER


Der Hauptbösewicht Raoul Santoria ist... nun ja, ein Boxer. Und so benimmt er sich auch. Viel Muskeln, wenig Hirn, viel Aggression. Er ist der Mann fürs Grobe, der Blumenkübel auf Reporter wirft und Teenager von der Straße drängen will. Er wirkt bedrohlich, aber nicht genial.

Interessanter ist da schon die titelgebende Irma Bannister. Eine Frau, die ihren eigenen Tod vortäuscht, um der Pleite zu entkommen, hat schon fast Bond-Schurken-Qualität. Dass sie am Ende ihren eigenen Neffen auffliegen lässt, zeigt eine Kaltblütigkeit, die man in Jugendhörspielen selten findet.

Der heimliche Star unter den Antagonisten (obwohl er eigentlich das Opfer ist) ist aber Mr. Jefferson. Ein erwachsener Mann, der bei jedem Problem jammert: "Hätte ich doch nur auf meine Mutter gehört!" – herrlich! Man möchte ihn schütteln und ihm einen Schnuller geben.

BESTE MOMENTE


1. Tante Mathildas Oscar-Auftritt: Um eine Falle zu stellen, muss Tante Mathilda am Telefon die totgeglaubte Irma imitieren. Und Leute, sie liefert ab! Mathilda als aktive Ermittlerin ist ein seltenes Juwel und zeigt, dass in ihr mehr steckt als nur Kirschkuchen und Moralpredigten.
2. Die Verfolgungsjagd: Akustisch toll umgesetzt. Man hört den Motor leiden, Peter schreien und Justus... nun ja, Justus analysiert wahrscheinlich die Fliehkräfte. Ein Action-Highlight der Folge.
3. Bobs Improvisation: Als er Olivia gegenübersteht und sich rausreden muss: "Wir, wir, wir, wir tragen alle drei einen Doppelnamen!" – Comedy-Gold!

SCHWACHSTELLEN


Seien wir ehrlich: Der Plan der Bösewichte ist dumm. Warum greift Santoria den Reporter Don Jordan an? Warum jagt er die drei ??? so aggressiv? Wenn er einfach die Füße stillgehalten hätte, wäre der Versicherungsbetrug vielleicht nie aufgeflogen. Diese "Ich mache auf mich aufmerksam, indem ich Leute umbringe"-Logik ist typisch für Krimis, aber hier doch sehr offensichtlich konstruiert, um Action zu erzeugen. Auch dass Justus sofort den richtigen Riecher hat, wirkt manchmal etwas zu sehr wie Hellseherei und weniger wie Deduktion.

SERIEN-KONTEXT


Wir befinden uns im Jahr 1996. Die "Crimebusters"-Ära (die US-Vorlagen) war vorbei, und wir sind mitten in der Phase der deutschen Original-Geschichten, geschrieben von Brigitte Johanna Henkel-Waidhofer (BJHW). Diese Ära zeichnet sich oft durch etwas "realistischere", manchmal fast sozialkritische Themen aus (hier: finanzielle Not, Gier, Familienstreit). Es gibt keinen übernatürlichen Hokuspokus, keine Geister, keine Monster.

Die Folge gilt als solide Mid-Tier-Episode. Sie ist kein absoluter Kult wie der "Super-Papagei", aber bei Fans beliebt wegen der starken Einbindung von Titus und Mathilda. Kontinuitätstechnisch ist sie eher ein Stand-Alone-Abenteuer, aber sie festigt den Ruf der drei ??? als ernstzunehmende Ermittler auch außerhalb von Rocky Beach (Ventura ist ja quasi schon eine Weltreise).


SPRECHER-SPOTLIGHT


Hier wird es richtig interessant! Die Besetzung ist ein "Who is Who" der deutschen Sprecher-Elite:

Wilhelm Wieben (Dimitrios): Ja, genau DER Wilhelm Wieben! Der Mann, der uns jahrelang die Tagesschau vorgelesen hat. Seine seriöse, sonore Stimme als zwielichtiger Bankdirektor zu hören, ist ein absoluter Genuss. Er klingt so vertrauenswürdig, dass man ihm sofort sein Sparbuch geben würde – schwerer Fehler!
Christian Redl (Jefferson): Bekannt aus düsteren Rollen (z.B. "Der Hammermörder"), spielt hier gegen seinen Typus den weinerlichen Muttersöhnchen-Kunden. Großes Kino!
Holger Mahlich (Inspektor Cotta): Er ist hier natürlich auch dabei. Mahlich hatte die Rolle des Cotta in den 90ern übernommen und prägte sie als den manchmal genervten, aber kooperativen Polizisten, den wir heute kennen.

PRODUKTIONS-HISTORIE


Die Folge basiert auf dem gleichnamigen Buch von Brigitte Johanna Henkel-Waidhofer. BJHW war die erste deutsche Autorin, die die Serie nach dem Ende der US-Vorlagen weiterführte. Interessant: In den Büchern gibt es oft noch mehr "Menschelndes" und kleine Nebenplots, die im Hörspiel gestrafft wurden.

Produziert wurde das Ganze natürlich von der unvergleichlichen Heikedine Körting. Ein kleines Trivia-Detail: Der Arbeitstitel lautete wohl mal "Der venezianische Spiegel", was zwar akkurat, aber deutlich langweiliger gewesen wäre. "Die verschwundene Seglerin" klingt viel mehr nach Drama und Meer!


FAN-SERVICE-CHECK


Visitenkarte: Wird natürlich überreicht (auch wenn Justus sie im Hörspiel manchmal nur erwähnt).
Schrottplatz-Lore: Wir lernen, dass Titus auch mit hochwertigen Antiquitäten handelt und nicht nur mit Schrott. Ein wichtiger Baustein für das Verständnis des Jonas-Imperiums!
Justus' Besserwisserei: Check. Er korrigiert, doziert und nervt – genau so wollen wir ihn.

FAZIT & EMPFEHLUNG


"Die verschwundene Seglerin" ist wie ein guter Burger: Nichts Exotisches, aber verdammt lecker und sättigend. Sie bietet alles, was eine gute ???-Folge braucht: Ein persönliches Motiv (Titus in Not), Action (Verfolgungsjagd), Humor (Mathilda & Jefferson) und erstklassige Sprecher.

Sie ist perfekt für Hörer, die es mögen, wenn die drei ??? in der realen Welt ermitteln und es mit echten Verbrechern zu tun haben, statt Geister zu jagen. Wer die 90er-Jahre-Vibes der Serie mag, kommt hier voll auf seine Kosten.

Ranking-Potenzial: Solides oberes Mittelfeld. Kein Evergreen, aber eine Folge, die man immer wieder gut hören kann, ohne sich zu langweilen.

Wusstest du schon?

Die Autorin Brigitte Johanna Henkel-Waidhofer schrieb in den 90ern viele Fälle für die Serie, die oft durch einen etwas emotionaleren oder sozialkritischeren Touch auffielen.
Im Transkript wird der Reporter 'Don Jordan' genannt, in manchen Quellen und Listen taucht er fälschlicherweise als 'Dan Jordan' auf.
Tante Mathilda beweist hier schauspielerisches Talent, indem sie Irma Bannister am Telefon imitiert – ein seltener Moment, in dem sie aktiv an einer Falle der drei ??? teilnimmt.
Cover
Bewertung
6
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6 von 10 Kirschkuchenstücken
Das Rätsel
Die Grundkonstruktion ist klassische Krimi-Kost: Ein vorgetäuschter Tod (Versicherungsbetrug) und ein Erbstück-Rätsel. Die Idee mit den zwei Spiegeln ist ein solider Aufhänger ('Hook'), der den Hörer sofort in die Geschichte zieht. Die Auflösung ist logisch hergeleitet und für aufmerksame Hörer durchaus zu erahnen, besonders durch den Hinweis auf die fehlende Leiche.
Plot & Logik
Der Plot ist weitgehend schlüssig, leidet aber unter dem typischen 'Warum jagt der Bösewicht die Detektive?'-Syndrom. Santorias Angriffe auf Don Jordan und die drei ??? (der Blumenkübel und die Autojagd) wirken etwas überzogen und dienen eher dazu, Action in die Handlung zu bringen, als dass sie logisch zwingend wären – sie ziehen erst recht Aufmerksamkeit auf den Fall.
Kapitel
1 Onkel Titus sitzt in der Patsche 0:00 min
2 Ein tragischer Segelunfall 12:16 min
3 Im Reich der Mitte 21:44 min
4 1:0 für Santoria 27:46 min
5 Auf Leben und Tod 33:16 min
6 Lu Kwan schweigt 40:09 min
7 Bobs Theorie 48:48 min
8 Zweitausend $ zum Ersten 58:21 min

Im Detail

J
Justus Jonas
Justus zeigt starke analytische Fähigkeiten, besonders als er aus dem Verhalten von Lu Kwan (Beruhigung nach einem Brief) sofort auf Irmas Überleben schließt. Er führt Regie, lässt aber den anderen Raum.
P
Peter Shaw
Peter darf wieder sein fahrerisches Können im MG unter Beweis stellen. In der Verfolgungsjagd ist er der aktive Part, auch wenn er dabei verständlicherweise Panik bekommt ('Die Temperaturanzeige steht mitten im roten Bereich').
B
Bob Andrews
Bob ist der heimliche Star dieser Folge. Er nutzt seine Pressekontakte, führt das entscheidende Telefonat mit Lu Kwan durch und entwickelt die komplette Theorie zum Versicherungsbetrug fast im Alleingang.

Sprecher

Verwandte Folgen

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